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Der Inititator Stig Guldberg

“Erst wenn eine behinderte Person - Kind oder Erwachsener - ihr eigenes Handicap versteht und imstande ist, es als natürlich anzusehen, vermag sie ein normales Leben unter Nichtbehinderten zu führen.”
Stig Guldberg (geb. 26.11.1916 in Dänemark, gest. 18.4.1980 in Kramnitze/Dänemark) ist Gründer des Guldberg-Plans, einer Organisation, die seit 1950 Rehabilitationsmaßnahmen für behinderte Kinder durchführt.

 


1947: Der Unfall

Guldberg war Offizier im Gardehusarenregiment in Næstved (Dänemark); er leistete während der deutschen Besatzung aktiven Widerstand. Nach dem Krieg arbeitete er als Sprengoffizier. Beim Hantieren mit Sprengstoff – in Næstved sollte ein Fabrikschornstein gesprengt werden - verlor er durch einen Unfall am 18. Februar 1947 den linken Unterarm und die rechte Hand; vorübergehend war er auch taub und blind. Hinzu kamen multiple Knochenbrüche und eine Quetschung des linken Oberschenkels. Es folgten zahlreiche Klinikaufenthalte und Operationen, die ihn in eine existenzielle Lebenskrise führten.
Wie traumatisch die schweren Verletzungen für den damals 30-jährigen begeisterten Reiter gewesen sein müssen, lässt sich ermessen, wenn man sich vor Augen führt, dass ein ganzes Vierteljahrhundert verstrich, ehe er sich 1972 erstmals wieder auf ein geführtes Pferd setzte. Und dennoch: Guldberg sagte von sich selbst: „Ich hatte Glück. Wenn man zwischen Leben und Tod geschwebt hat, Aussicht auf Blind- und Taubheit und verschiedene andere Gebrechen gehabt hat, so findet man heraus, dass es ja gar nicht so schlimm ist, die Hände zu verlieren“. Rückblickend sah er das Ereignis nicht als persönliches Desaster: „Wir wollen das bitte nicht Unglück nennen. Es war nur ein Unfall“.

 


Rehabilitation in England

Während eines Rehabilitationsaufenthaltes in England kam er in Kontakt zu kriegsversehrten Kindern, die dort lernten, mit den schweren Verletzungen und Amputationen umzugehen und ihr Leben neu zu gestalten. Guldberg lernte insbesondere von einem 12-jährigen, dass es falsch ist, nur auf die Beschädigung, auf das Verlorene zu schauen. Dieser Junge und andere Kinder machten ihm vor, was man auch ohne Hände noch alles tun kann. Er erkannte, dass es genau hierauf ankommt: auszuprobieren, was noch möglich ist und nach vorn zu schauen statt zurückzusehen. „Man lernt, dass es sich nicht so sehr darum handelt, was man verloren hat, sondern vielmehr darum, was man wiederbekommen hat“, so Guldberg.
Die Begegnung mit den britischen Kindern war eine Erfahrung, die sein weiteres Leben prägte. Sie war Motor für die Idee, die er bis zu seinem Tode weiterentwickelte. Besuche in Behinderteneinrichtungen in England und den USA machten ihm klar, dass man sich nach 1945 fast ausschließlich auf erwachsene Kriegsversehrte konzentrierte. Niemand wagte es, die Verantwortung für die vielen Kinder zu übernehmen, die ebenfalls und vielleicht auch noch in besonderem Maße von den schrecklichen Auswirkungen der Kriegshandlungen betroffen waren. Guldberg jedoch fragte sich: „In Frieden leben – ein bisschen glücklich sein. Haben nicht auch die kleinen Invaliden ein Recht darauf? Sie ganz besonders?“

 

Die ersten Guldberg-Lager

1950 lud Guldberg zum ersten Mal kriegsversehrte Kinder zu Zeltlagern nach Lynvig am Ringkøbing-Fjord in Dänemark ein. Die Kinder kamen nicht nur aus denjenigen Ländern, denen Deutschland den Krieg erklärt hatte oder die unter deutscher Besatzung gelitten hatten. So kurz nach dem Krieg für viele unverständlich, tat Guldberg genau das Gegenteil: Er lud Kinder aus Berlin, Hamburg, Bremen und Bremerhaven ein. Die Nationalität, die Frage nach den Verursachern der kriegsbedingten Behinderungen spielte für ihn keine Rolle. Für ihn zählte nur das Kind. Im darauf folgenden Jahr, 1951, waren es bereits 35 deutsche Kinder, die er zu einem sechswöchigen Aufenthalt nach West-Jütland einlud. In alten Bauernhäusern entstand sein „Internationales Lager zur Erziehung und Rehabilitierung benachteiligter Kinder“. Finanzielle Unterstützung fand Guldberg in erster Linie bei verschiedenen Rotary- und Lions-Clubs.
In den Folgejahren baute Guldberg seine Aktion konsequent aus; es entstanden Gruppen von 80 bis 100 Kindern. Sie kamen schließlich aus ganz Europa. Er nahm auch nicht mehr nur ausschließlich durch Kriegseinwirkungen behinderte Kinder auf, sondern auch krankheitsbedingt blinde, taube, stotternde, anfallskranke, psychisch verletzte und später auch durch Contergan geschädigte Kinder. Insbesondere durch sportliche Aktivitäten lernten sie unter seiner Anleitung, sich vorsichtig von allzu behütender Umgebung loszulösen. „Wenn diese Kinder verkümmern, ist nur die Umwelt schuld. Man muss sie behandeln wie andere auch“.
Mit Hilfe einer Spende des damaligen Nord-West-Deutschen Rundfunks gelang es Guldberg erstmals in Deutschland, und zwar in der Nähe von Hannover, ein Sommercamp zu organisieren.  Wenig später eröffnete der damalige österreichische Bundespräsident Theodor Körner 1953 das erste Guldberg-Lager in Wien. Guldberg führte neben Dänemark, Deutschland und Österreich später auch Maßnahmen in Schweden und Gran Canaria durch.

 


Gründung der dänischen Stiftung „Guldberg-Plan“

1955 gründete Guldberg die rechtsfähige Stiftung „Guldberg-Plan“. Zweck war die „psychische und physische Rehabilitation sowohl dänischer als auch ausländischer Kinder und Jugendlicher, die wegen körperlicher Invalidität, Milieu oder Rasse behindert sind“.
Mit den Worten „Sie sind der erste wirkliche Europäer“ zeichnete der damalige Bundespräsident Theodor Heuss wenige Jahre später, nämlich 1958, Guldberg als ersten Ausländer mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse aus.

 


Bau des Guldberg-Lagers in Kramnitze/Lolland

Guldbergs Credo „Es gibt keine schwierigen Kinder – aber eine große Zahl von Kindern, die es schwer hat“ fand Anklang bei einer immer größer werdenden Zahl von Anhängern und Sponsoren. Anfang der 60er Jahre war es endlich soweit. Er hatte so viele Spendengelder eingeworben, dass es ihm möglich war, ein acht Hektar großes Grundstück in Kramnitze bei Rødby auf der dänischen Insel Lolland zu erwerben.

 


Die Dortmunder „Guldberghilfe e.V.“

Unter tätiger Mithilfe deutscher Studenten aus dem 1959 gegründeten Verein „Dortmunder Guldberghilfe e.V.“ baute er in unmittelbarer Nähe zum Ostseestrand feste Unterkünfte.
Die Jugendgruppe der Dortmunder St. Bonifatius-Gemeinde hatte Guldberg während ihrer Ferien im Sommer 1959 im dänischen Hvide Sande per Zufall kennen gelernt und sich spontan von seiner Arbeit begeistern lassen. Zurück in Deutschland wurde unter dem Vorsitz von Arno Hagedorn zunächst die Dortmunder Guldberghilfe als gemeinnütziger Verein ins Leben gerufen. Hagedorn und seine Mitstreiter wie Michael Kaiser initiierten Spendenaufrufe in Presse, Rundfunk und Fernsehen und beantragten öffentliche Mittel zum Bau der Unterkünfte.

Der erste Spatenstich von insgesamt vier Häusern erfolgte am 21. Juli 1960. Die Häuser mit einer Wohnfläche von jeweils 385 qm nach einem Entwurf des Dänen Jörgen Andersen sollten dem Stil der Landschaft angepasst sein und die besonderen Belange gehbehinderter Kinder berücksichtigen.

Die Mitglieder der Dortmunder Guldberghilfe kamen jeden Sommer in den Semesterferien nach Kramnitze und bauten, später auch mit Hilfe des Studentenverbandes Deutscher Ingenieurschulen, die Häuser in jeweils 2 Gruppen.
1963 ging Guldbergs Traum ging in Erfüllung: Das „Guldberg-Lager“ mit einer Aufnahmekapazität von rund 40 Kindern für einen jeweils 4-wöchigen Aufenthalt konnte den Betrieb mit zunächst 3 Häusern aufnehmen. Aus welchen Ländern die Kinder auch kamen, Ziel war stets, ihnen dabei zu helfen, vom bloßen Objekt fremder Hilfeleistung zum Subjekt eigenen Handelns und auch Helfens zu werden.

Die Botschaft Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“ hatte sich Guldberg als übergeordnetes Ziel zu Eigen gemacht. Guldberg sah dies erst dann als erfüllt an, wenn die Kinder – nach Hause zurückgekehrt - beim Schuhebinden oder anderen alltäglichen Verrichtungen sagen konnten: „Geh weg, das kann ich jetzt allein!“

 


Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre: Maßnahmen in Wüstewohlde und Wulsbüttel

Das Interesse in Deutschland an der Arbeit Guldbergs führte dazu, dass Jugend- und Sozialämter zunehmend auf den therapeutischen Ansatz Guldbergs aufmerksam wurden. 1966 besuchte der Dezernent für das Jugend- und Sozialwesen der Hansestadt Bremen, Roderich Böttcher, das Lager in Kramnitze. Guldberg hatte zu dieser Zeit bereits rund 7.000 Kindern aus 17 Nationen einen Aufenthalt ermöglicht.
Böttcher und Medizinalrat Dr. Hans Wolf (geb. 3.7.1928, gest. 5.1.2001) vom Städtischen Gesundheitsamt Bremerhaven vereinbarten mit Guldberg, Reha-Maßnahmen erneut und dieses Mal in größerer Breite in Norddeutschland durchzuführen. Vom 18. August bis 21. September 1967 fand unter Guldbergs Leitung mit 21 Kindern aus Deutschland und Dänemark eine Maßnahme in der Jugendherberge Wüstewohlde in Ringstedt in der Nähe von Bremerhaven statt. 1968 waren es bereits rund 100 Kinder, die in Wüstewohlde und Alfeld/Leine den Sommer verbrachten. 1969 lag der Schwerpunkt auf contergangeschädigten Kindern, die erneut in der Jugendherberge Wüstewohlde, aber auch erstmals im Schullandheim Wulsbüttel bei Cuxhaven unterkamen.

 


Inka Conze


In den Folgejahren wuchs die Zahl der Anmeldungen weiter so stark an, dass Guldberg seine langjährige Mitarbeiterin, die Pädagogin und Krankengymnastin Inka Conze, geb. Laurs, (geb. 1.2.1942, gest. 27.4.2000) dabei unterstützte, seiner Arbeit auch in Österreich und Deutschland einen festen Platz zu geben.
Sie hatte Stig Guldberg 1967 in Bremerhaven kennen gelernt und seitdem für ihn gearbeitet; 1968 leitete sie erstmals gemeinsam mit Guldberg eine Freizeit mit cerebral- und contergangeschädigten Kindern aus Aachen in Kramnitze. Ab Anfang der 70er Jahre führte Conze insgesamt vier Mal Reha-Maßnahmen in Seekirchen/Wallersee im Salzburger Land durch. 1977 leitete Inka Conze erstmals eine Maßnahme nach der Idee Guldbergs in Deutschland durch, und zwar im Feriendorf Nastätten im Taunus. Conze, selbst aktive Skiläuferin, erweiterte 1979 das Programm durch eine „Wintermaßnahme“ im österreichischen Neukirchen am Großvenediger, in der der Skisport im Zentrum der Rehabilitation stand. Ihr Verdienst ist es, dass die Idee Guldbergs, nicht auf die Behinderung zu schauen, nicht das Fehlende zu suchen, sondern zu lernen, mit den verbliebenen Fähigkeiten umzugehen und diese zu trainieren, auf den Wintersport übertragen wurde.

 


Guldbergs Tod im Jahr 1980

Guldberg konnte die weitere Entwicklung dieser besonders erfolgreichen Art der Rehabilitation nicht lange weiterverfolgen. Nach kurzer Krankheit verstarb er am 18. April 1980 an den Folgen schwerer postoperativer Komplikationen nach einem Eingriff im Bauchraum. Zu seiner Freude hatte er kurz vor Ostern 1980 das Krankenhaus verlassen können und war nach Hause entlassen worden, wo er dann – friedlich im Sessel sitzend – am Abend des 18. April verstarb. Über 15.000 behinderte Kinder hatten bei Guldberg gelernt: „Nicht das Verlorene beklagen, sondern das Verbliebene nutzen.“ Aber nicht nur die betroffenen Kinder, auch Hunderte junger Menschen hatten als Praktikanten und Betreuer – zumeist angehende Ärzte, Pädagogen, Physiotherapeuten, Psychologen und Sozialarbeiter – Guldbergs Idee und Arbeitsweise kennen und ihn als Menschen schätzen gelernt.